Ozeansegeln. Reiseaufzeichnungen

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Im Eis
Es ging so viel schneller als gedacht. Eigentlich wollten wir doch nochmal rausfahren. Im langjährigen Mittel friert der Bodden erst Anfang Januar zu, das heißt diesmal fast vier Wochen früher! Jetzt sitzt das Boot im Eis fest. Auf dem Deck liegt gefühlt ein halber Meter Schnee, das Cockpit ist fast randvoll zugeweht. Es bleibt also nichts anderes übrig als - abwarten.

17. Dec. 2012

Einwintern
Lange habe ich gezögert, weil ich die ganze Zeit nochmal rausfahren wollte. Und bis vor kurzem war es auch noch warm genug. Inzwischen liegt hier eine geschlossene Schneedecke, an Land und auch auf dem Boot. Irre.
Deshalb wars auch höchste Zeit.
Verschiedene Frostschutzmöglichkeiten hatte ich überlegt, und war schon zu dem Schluss gekommen, mit dem 100%-Spiritus, den wir zum Kochen nehmen, einen Frostschutz zu mischen und in die Leitungen zu füllen. Unsicher war ich mir wegen der Gummidichtungen im See-WC, weil ich irgendwo gelesen hatte, dass der Frostschutz die Weichmacher aus dem Gummi zieht und damit die Dichtungen versprödet.
Ich schrieb also an Rheinstrom (Hersteller des See-WC), und bekam wenige Tage später dann den Hinweis, dass Spiritus und Glykol (das sind die Wirkstoffe der gängigen Frostschutzmittel) die Dichtungen angreift. Ich solle lieber das System mit Essigwasser spülen und dann trockenlegen.
Das hab ich heute gemacht. Was gar nicht so einfach ist, wenn das Boot schwimmt und die Seeventile unterhalb der Wasserlinie liegen. Das wichtigste Werkzeug war deshalb die Luftpumpe, mit der sonst die Fender und das Schlauchboot aufgeblasen werden. Für das Auspusten der Waschbeckenabläufe musste ich was basteln, um die Pumpe an den Abfluss anzuschließen. Den Klozulauf hab ich am See-WC abgemacht und dann die Pumpe angeschlossen. Den Kühlkreislauf vom Motor hab ich über den Filter ausgepumpt. Eigentlich ein gutes System. Und jetzt weiß ich auch, wie die einzelnen Schläuche am besten leergemacht werden können, wo die Pumpe anzusetzen ist.
Bei den Waschbeckenabläufen hab ich zur Sicherheit noch etwas Spiritus-Frostschutz eingefüllt. An die Schläuche komme ich auch gut ran und sehe, wenn da was versprödet.
Es ist das erste Mal, dass Aimé im Wasser überwintert. Ich hoffe, das geht gut. Der Liegeplatz ist jedenfalls gut geeignet: eine breite Box, sodass die Bordwand nicht an Fendern reibt, vor den Weststürmen gut geschützt.
Eigentlich wollen wir in zwei Wochen nochmal rausfahren. Deshalb ist auch der Baum noch nicht abgebaut und auch sonst ist das Boot fast bereit zum Ablegen. Beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie kann man einen Eisatlas für die südliche und die westliche Ostsee downloaden. Im Durchschnitt friert der Greifswalder Bodden, wenn er zufriert, Anfang Januar zu. Es gab aber Winter, in denen das später passiert ist. Und es gab Winter, da kam das Eis sehr früh. Am Ende bleibt, bei aller statistischer Voraussicht, eben doch das konkrete Ereignis.

07. Dec. 2012

Rückfahrt
Die Ausfahrt liegt eigentlich zu lange zurück, um noch davon zu erzählen. Wenn nicht etwas passiert wäre, das mich auch später noch eine Weile verfolgt hat und das deshalb auch erzählenswert ist. Diesmal kein Unwetter. Im Gegenteil: Das Wetter war unglaublich schön. Ende Oktober, tags zuvor bin ich alleine mit Aimé von Greifswald nach Seedorf auf Rügen gesegelt. Hatte unterwegs einige Bedenken wegen der falschen Mastbiegung, zwischendurch fiel eine Winsch aus, beim Kreuzen, kam aber wieder zurück. Und ich war froh, in Seedorf zu sein.
Die Gegend um Seedorf ist wunderschön, und schon am Abend meiner Ankunft hatte ich den Turm des Jagdschlosses Granitz oben auf einem Hügel durch den Wald blitzen sehen. Bei nv-pedia gibt es eine Wegbeschreibung für einen Spaziergang zum alten Jagdschloss, das heute als Museum ausgebaut ist.
Also entschied ich mich morgens früh, erst am Nachmittag zurück zu segeln und den Vormittag für eine Wanderung zum Schloss zu nutzen. Mit der aufgehenden Sonne ziehe ich los. Überquere eine Brücke, folge einer kleinen Straße, laufe auf einem schmalen Weg durchs Ried. Den Turm des Jagdschlosses habe ich dabei ständig im Blick, erst am Fuß des Hügels ist er vom Wald verdeckt. Der Herbst hat die Blätter der Bäume bunt gefärbt, die Hügellandschaft ist farbig gemustert. Ich genieße die warmen Sonnenstrahlen und die klare Luft. Es ist schön, einen Weg zu laufen, den ich noch nie gegangen bin. Nachdem ich einer gepflasterten Allee gefolgt bin, die schnurgerade durch die Felder gezogen ist, biege ich in einen schmaleren Waldweg ein. Ab hier geht es bergauf. Von ferne ist zwischendurch das Pfeifen der Schmalspurbahn zu hören, die das südöstliche Ende der Insel auch für Fußgänger erschließt, die kein Auto oder Boot haben.
Der Aufstieg ist schweißtreibend, auch weil ich zügig marschiere. Ich möchte nachher nicht zu spät aufbrechen, um noch im Hellen anzukommen.
Das Schloss selbst ist sehr beeindruckend. Die Fürstenfamilie von Putbus hat es gebaut, ursprünglich nur als Jagdschloss. Als aber der Hauptsitz der Familie in Putbus einem Brand zum Opfer fiel, musste die Familie aufs Jagdschloss ziehen. Das muss einem nicht leid tun: Das Jagdschloss kommt hochherrschaftlich daher. Die Architektur ist dabei zumindest ungewöhnlich. Im Zentrum des Gebäudes steht der Turm. Auf zwei Stockwerken sind kreisförmig um diesen Bereich die Zimmer angeordnet. Es sind ziemlich viele Zimmer. Einige sind der früheren Nutzung folgend ausgestattet. Sogar eine Ritterrüstung ist zu besichtigen. Allerdings keine, die ein Ritter getragen hätte. Dafür ist das Schloss dann doch nicht alt genug. Die Rüstung ist Teil eines Kamins, der in einem bunt ausgestatteten Wohnzimmer steht. Neben orientalischen Dolchen und Krummsäbeln finden sich wertvolle Holzkästchen, große Gemälde, reichhaltig verzierte Sessel und Beistelltische aus dunkel gemasertem Edelholz.
Mich interessiert vor allem der Turm. Auf den Aufstieg muss ich warten. Die Wendeltreppe, die an den Außenwänden des Turms entlang führt, wird immer nur für eine Richtung, Abstieg oder Aufstieg, geöffnet. Dass das seinen guten Grund hat, merke ich beim Aufstieg. Der Turm ist mit knapp zehn Metern Durchmesser ziemlich breit. Auf der Innenseite der Treppe ist also - nichts. Dazu kommt, dass die gusseisernen Stufen nicht massiv sind, sondern in Mustern gegossen wurden. Der Blick geht durch die Stufen durch und in die Tiefe. Meinen Tritt macht das nicht sicherer.
Belohnt werden ich und alle, die den Aufstieg wagen, mit einem unglaublichen Blick. Die Luft ist sehr klar. Und zum ersten Mal überblicke ich diese Insel, die Rügen ja ist, von einem Ende zum anderen. Die Südostspitze ist gut zu sehen, das Nordperd und weiter draußen die Greifswalder Oie, der Fährhafen von Sassnitz, Kap Arkona und die Volkswerft in Stralsund. Der Greifswalder Bodden glitzert in der Sonne. Kleine weiße Punkte sind zu sehen, Segelyachten unterwegs.

So schön es ist, in der Sonne zu sitzen, zu faulenzen, und so gerne ich noch bleiben würde - für den nächsten Tag ist auffrischender Südwestwind angesagt, das würde bedeuten: gegenan. Abgesehen davon, dass die Pflichten des Festlands rufen. Was allerdings hier oben und auf und davon nur halb so wichtig ist.
Nach einem deftigen Mittagsmahl im Schlosskeller mache ich mich auf den Rückweg. Nehme die Abkürzung, die mir auf dem Hinweg ein ebenfalls wanderndes Pärchen gezeigt hat, denke schon über das Ablegemanöver nach, das nicht banal sein wird, weil ich rückwärts vom Steg weg muss, zur anderen Seite aber auch nur knapp zwei Meter Platz sind, was ein großzügiges Rausdrehen verhindern wird, also muss ich den richtigen Mittelweg finden und - zack - schon hab ich mich verlaufen. Schaue hoch und denke: So sah das aber vorhin nicht aus. Dabei ist der Hafen schon zu sehen, jedenfalls die Mastspitzen der Boote. Gehe ich halt ein Stück querfeldein. Weiter hinten muss ja die Straße kommen. Also weiter. Eine halbe Stunde später finde ich die Straße. Allerdings hat vor die Straße der Bauer den Entwässerungskanal gesetzt. Und der ist zu breit zum rüberspringen. Als ob das nicht genug wäre, muss ich tierisch aufs Klo. Prima.
Also gehe ich zurück und nehme eben die andere Abzweigung. Die mich auch wieder auf den richtigen Weg bringt. Aber wirklich entspannt ist der Rest des Spaziergangs nicht mehr.

Schließlich lege ich eine Stunde später ab als geplant. Damit ist der eingeplante Zeitpuffer gleich am Anfang ausgeschöpft. Nicht gut. Im Hafen habe ich die 35er angeschlagen, weil ich mit mehr Wind rechne. Aber noch vor dem Segelsetzen tausche ich die große Fock gegen die 50er Genua. Es ist immer ein schöner Moment, wenn das Boot nach dem Segelsetzen Fahrt aufnimmt. Aimé legt sich sanft auf die Seite und zieht los. Aus dem weitläufigen hinteren Teil der Buch kommt ein Fahrgastschiff und passiert uns, kurz bevor wir die Fahrrinne erreichen. Niemand winkt. Vielleicht sind wir zu weit entfernt.
Aus der Bucht raus geht es erstmal hoch am Wind. Den Kurs entlang der Fahrrinne können wir gerade halten. Der Wind hat ein wenig aufgefrischt und das Boot schiebt gut Lage, macht aber auch gute Fahrt. Wenn es so weitergeht, klappt es sogar mit der Brücke! Ich freue mich und fange nach dem ganzen Stress auf dem Rückweg vom Schloss an, mich wieder zu entspannen. Von der letzten Fahrwassertonne aus halte ich mich an die Ansteuerungstonne Reddevitz. Vor der Landzunge ist es steinig, davon halten wir uns frei. Das Boot schiebt sich zügig mit fünfeinhalb Knoten durchs Wasser. Ich freue mich schon aufs Abfallen, dann wird es erstens etwas ruhiger, mit weniger Druck im Rigg, und zweitens nochmal schneller.
Wir segeln auf der Sonnenstraße Richtung Westen, der Sonne entgegen. Die Ansteuerungstonne ist nur als Silhouette auszumachen. Aber die Sicht ist gut. Deshalb sehe ich auch die Fischerfähnchen, die vor uns auftauchen, rechtzeitig. Es ist eine ganze Reihe von Fähnchen, die unregelmäßig auf einer Linie quer zu unserer Fahrtrichtung verteilt sind. Also segeln wir zwischen zwei eher weiter auseinander stehenden Fähnchen durch. Hundertmal gemacht, nie Probleme gehabt.
Plötzlich klackert es vorn am Rumpf. Irgendwas schabt unter Wasser an der Außenhaut entlang. Bevor ich mich fragen kann, was das wohl war, verliert das Boot an Fahrt, so als wäre es hinten an einer dicken Gummileine festgemacht. Ich schaue zur Seite raus und sehe an backbord und an steuerbord die Fischerfähnchen. Und auf einer Linie vom Boot zu den Fähnchen eine Reihe von halb überspülten Schwimmhilfen aus Styropor. WTF? schießt mir durch den Kopf, ein schwimmendes Netz? Was soll das denn? Dann auf einmal ein Schnalzlaut. Aimé hat sich mit ihrem Gewicht und der Fahrt so weit geschoben, dass das Netz unterm Kiel durchgeschnalzt ist. Und jetzt in der Schraube hängt. Innerlich fange ich an zu fluchen. Fuck. Was jetzt? Plötzlich ein zweites, leiseres Schnalzen. die Schwimmleine ist von der Schraube gesprungen und hängt jetzt vor der Ruderhacke. Ein Lichtblick! Immerhin nicht total manövrierunfähig. Noch nie war ich so froh darüber, dass das Boot einen Faltpropeller hat.
Das alles hat keine Minute gedauert. Im Moment, als die Leine von der Schraube schnalzt, bin ich schon auf dem Weg nach vorne, um die Segel zu bergen. das Netz liegt genau parallel zum Wind, und noch zeigt die Bugspitze weg vom Netz. Aber ohne Fahrt treibt Aimé schnell quer zum Wind. Zuerst ziehe ich deshalb mit Mühe die große Genua, die weit nach Lee ausweht, an Deck. Dann das Großsegel.
Damit ist zumindest der Winddruck aus dem Boot. Wie durch Wunderhand hat auch der Wind wieder etwas abgeflaut. Trotzdem treiben wir inzwischen parallel zum Netz und ich fürchte, dass das Boot weiter in das halb lose Netz verheddert wird. Mit dem Bootshaken versuche ich, die Schwimmleine unter dem Ruder durchzudrücken. Durch den aufprall des Kiels ist das Netz selbst bereits gerissen. Aber die Schwimmer halten die Leine oben. Sollen sie ja auch. Nur jetzt gerade könnten sie auch mal eben untergehen.
Mögliche Befreiungspläne schießen mir durch den Kopf. Schlauchboot aufblasen und dann mit dem Bootshaken die Leine unterm Ruder durchdrücken. Per Funk Schlepphilfe rufen, denn den Motor kann ich so dicht am Netz nicht anlassen. Wenn unterm Schiff das lose Netz treibt, kann es leicht passieren, dass der drehende Propeller sich verheddert. Und das wäre richtig schlecht.
Aber für beide Lösungen fehlt mir die Zeit. Die Sonne wandert schon dem Horizont entgegen, in weniger als drei Stunden wird es dunkel. Und dann wird das mit dem Befreien schwierig. Zumal der Wind schon jetzt auflandig weht. Und im Lauf der Nacht soll es laut Wetterbericht auffrischen, bis wir dann morgen früh 5-6 Windstärken haben. Auflandig. Worst Case: Das Boot wird auf die Steine beim Reddevitzer Höft getrieben und dort vom Starkwind aufgerieben. Das wäre nicht zuletzt auch für mich selbst gefährlich.
Kurz entschlossen hole ich von unten ein Segelmesser. Mit dem Bootshaken zerre ich die Schwimmleine am Heck an Bord und belege sie luvseitig auf der Achterklampe. Jetzt sehe ich auch, dass das Netz durch den Aufprall wirklich komplett zerrissen ist. Ob ich jetzt noch die Schwimmleine durchschneide oder nicht, ist dann wohl auch egal. Also schneide ich. durch den Winddruck kommt die Lufseite bald auf Spannung. Das Netz ist ja verankert. Das lose hole ich mit dem Bootshaken unter dem Rumpf durch, führe es nach vorne zum Bug und werfe es ins Wasser. Dann geht achtern auch der andere Rest der Leine, der jetzt ziemlich auf Spannung ist, los, und Aimé schwimmt wieder frei. Mit ziemlich Muffensausen starte ich den Motor. Es müsste alles frei sein da unten, aber who knows for sure? Mit dem Heck voran und langsamer Drehzahl ziehen wir uns vom Netz weg. Es klappt! Mir fällt ein ziemlicher Stein vom Herzen.
Allerdings sind um uns rum immer noch einige Fähnchen. Vorsichtig nähern wir uns der nächsten Netzlinie. Von Schwimmern ist nichts zu sehen. Auch als die Fähnchen querab sind. In einigem Sicherheitsabstand setze ich wieder die Segel. Puh. Es kann weitergehen. Kurz darauf setze ich noch einen Funkspruch an alle Schiffe ab, die in der Nähe unterwegs sind, um vor dem schwimmenden kaputten Netz zu warnen.
Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Schließlich bin ich von der Fahrwassertonne straight zur Ansteuerungstonne gefahren. Und da liegt so ein Netz rum? Erst später sehe ich auf der Seekarte, dass hier das Fahrwasser nicht zur Ansteuerungstonne läuft, sondern ein kleines Stück nördlich davon. Unglückliche Tonnenführung.

Nachtankunft, allein Zwei Stunden später sind wir immer noch mitten auf dem Bodden. Der Wind ist abgeflaut, die Sonne hinterm Horizont verschwunden. Ich richte mich auf eine Nachtansteuerung ein. Lege den Suchscheinwerfer bereit, werfe nochmal einen Blick auf die Karte und überlege die unproblematischste Route. Esse noch einen Keks. Mache ein paar Bilder. Und sitze dann im Cockpit, am Ruder, während langsam der Tag geht, die Nacht kommt. Als der Wind ganz weg ist und der Bodden wie spiegelglatt daliegt, berge ich die Segel. Die letzten Meilen machen wir unter Motor. Die Lichter der Tonnen und der Ansteuerung sind gut auszumachen. Trotzdem ist es komisch, so ins Dunkle zu fahren. Dabei denke ich erstaunlicherweise gar nicht an die Fischernetzepisode vom Nachmittag. Das bleibt irgendwie verdrängt. Viel stärker ist die Erinnerung an den letzten Nachttörn im Sommer auf dem Weg von Danzig nach Greifswald. Was ein sehr schöner Törn war. Ich bleibe also auch gelassen. Nach Hause werden wir kommen.
Das letzte Stück wird nochmal aufregend. Ich folge dem Leitfeuer, und es ist immer wieder unheimlich, wenn dann die unbeleuchteten Fahrwassertonnen irgendwann neben dem Schiff auftauchen. Bei der Einfahrt kann ich noch den Suchscheinwerfer ausprobieren. Die Baustelle im Fahrwasser (man baut hier ein Sperrwerk gegen die durch den Klimawandel verschärften Hochwasser) ist kaum beleuchtet.
Das Anlegemanöver zelebriere ich ein bisschen. Zeige mich im Hafen, zeige, dass ich alleine unterwegs bin und gerade meine erste Nachtansteuerung solo absolviert habe. Außer ein paar Anglern, die von der Kaimauer aus ihre Blinker ins Wasser werfen, ist aber keiner da. Bleibe ich also ein einsamer Held. Und lege einfach an.

Hier gibt es ein paar Bilder von der Tour.

23. Nov. 2012

Verschleppter Bericht von der Reise
Obwohl der Ausflug nach Rügen vor mehr als zwei Wochen so aufregend war, habe ich den Bericht dazu lange vor mir hergeschoben. Vielleicht auch gerade deswegen.
Die Bilder erzählen eine schöne, harmonische Geschichte. Was sehr daran liegt, dass ich bei Alleinfahrten immer nur dann fotografiere, wenn der Moment es gerade zulässt, wenn ich nicht gefordert bin. Meistens bin ich gefordert. Gerade in den heftigeren Situationen. Die Action taucht auf den Bildern also bisher (fast) nicht auf. Da muss ich mir noch was überlegen.

Geplant hatte ich eine zweitägige Fahrt von Greifswald nach Rügen und zurück. Seedorf wollte ich besuchen. Der Wetterbericht vom Abend vorher hatte für die nächsten zwei Tage nordwestliche Winde vorhergesagt, zum Teil auch mit Regen und Schauerböen, dabei nicht mehr als 25 Knoten Wind. Machbar, entschied ich.
Ich war aufgeregt und wachte früh auf, rechtzeitig für die Brücke um neun. Beim ersten Blick nach draußen zeigte sich eine merkwürdige Wetterlage. Nach Norden zu zeigten sich kleine leichte Cumuluswolken, regelmäßig über den blauen Himmel verteilt. Nach Süden aber war der Himmel dunkel zugezogen, schoben sich dicke, schwere Wolken auf das Boot zu. Über dem Ryck - das ist der Fluß und Boddenarm, der Greifswald mit dem Bodden verbindet, und der von West nach Ost läuft - über dem Ryck war die Wetterscheide. Ein irres Schauspiel. Von Süden zog die finstere Wolkenschicht heran, prallte gegen die unsichtbare Mauer über dem Ryck wie eine Welle auf den Strand, zog sich zurück, um dann wieder von neuem anzubranden. Erklären konnte ich mir das zunächst nur durch die lokale Dynamik, die der große Bodden in dieser Gegend beherrscht. Und jedenfalls beschloss ich, zunächst noch zu warten, wie sich das Wetter entwickeln würde. Eine düstere Fahrt unter regenschwerem Himmel konnte ich mir zwar vorstellen, wollte aber vor dem Auslaufen entsprechend gewappnet sein.
Die Wetterscheide schien, bei aller Dynamik der heranziehenden Wolken, die sich dann über uns auflösten, stabil zu sein. Um kurz nach elf warf ich die Leinen los und legte ab. Sechste Alleinfahrt 2012.
Draußen auf dem Bodden weht zunächst nur wenig Wind. Ich setze die 35er Arbeitsfock, die ich schon vor dem Ablegen angeschlagen habe, und das ganze Großsegel. Mit der 35er Fock kann das Boot, mit entsprechend gerefftem Großsegel, Wind bis 6 Beaufort gut aushalten, bei wenig Seegang sogar gegenan.
Draußen zeigen sich die beiden Seiten der Wetterscheide nochmal klar. Nach Osten hin dunkel und bewegt, nach Westen hin hell und mit stabiler Luftschichtung. Unser Ziel, Rügen, liegt gottseidank in der hellen Hälfte, und ich bin guter Dinge. Außer mir sind noch zwei andere Boote ausgelaufen, eine Segelyacht, die hinter uns die Segel setzt, und ein Großsegler, der ein Stück unter Motor fährt. Zunächst kommt der Wind, anders als vorhergesagt, aus Südwest, und ich freue mich schon, denn damit könnten wir mit raumem Wind, meinem Lieblingskurs, bis Seedorf segeln.
Aber schon hinterm Kap bei Ludwigsburg schlägt der Wind plötzlich um, dreht erst auf Nordwest und frischt dann innerhalb von wenigen Minuten bis auf fünf Beaufort auf. Aktion. Das Vorsegel ist dicht, ich fiere das Großsegel auf, lege das Ruder fest und hoffe, dass Aimé so gut auf Kurs bleibt wie früher schon. Warte kurz, um zu sehen, ob das Boot stabil bleibt, und gehe dann nach vorne an den Mast, um das Segel zu reffen. Schon jetzt hat sich eine kurze, steile Welle gebildet, und mit dem vielen Tuch krängt das Boot stark. Bleibt aber auf Kurs. Ich reffe das Segel und binde gleich das zweite Reff ein. Ab jetzt geht es ein paar Stunden gegenan.
Einen Tag zuvor habe ich noch das Rigg frisch getrimmt. Der Mast steht jetzt wieder gerade, mit weniger Mastfall also. Zuletzt war das Boot doch sehr luvgierig gewesen. Jetzt liegt es viel gleichmäßiger auf dem Ruder und ich genieße den Amwindkurs wie schon lange nicht mehr. Nur bei sehr starker Krängung drückt das Boot deutlich luvwärts, das könnte noch etwas sanfter werden, und meist sucht sich Aimé gleichmäßig ihren Weg durch die Wellen und Böen.
Der Wetterbericht hat für den Nachmittag rechtdrehenden Wind angekündigt. Um das auszunutzen, will ich beim herrschenden Nordwest erstmal einen nördlichen Kurs segeln. Also eine Wende. Das ist alleine mühsamer als zu zweit, weil die Drehung des Bootes und das Segel kontrolliert werden wollen. Beides synchron ist, zumal bei zunehmendem Wind, schwierig. Meist dreht das Boot gut durch die Wende, ist aber dann kaum auf dem Amwindkurs zu halten, sondern dreht noch ein Stück weiter. Weil ich alleine auch das Segel nicht so schnell dicht holen kann, wie das Boot durch den Wind dreht, weht das Vorsegel aus und ich muss es mühsam mit der Winsch dicht holen. Deshalb drehe ich das Boot kurz in den Wind, um den Druck aus dem Segel zu nehmen und von Hand dicht zu holen. Das funktioniert schon gleich bei der ersten Wende nicht. Das Boot ist zu weit im Wind, die Fock kommt back und drückt den Bug zurück auf den alten Kurs. Weil ich ein fauler Einhandsegler bin, lerne ich die Lektion erst nach dem dritten Versuch. Da bin ich schon ziemlich am schwitzen. Und hole dann trotzdem das Segel unter Druck dicht, also ohne den Nahezu-Aufschießer, bis das Boot wieder mit dichtgesetztem Vorsegel hoch am Wind segelt. Leider auf dem strategisch falschen Bug, wir segeln also nach Westen. Aber bei der insgesamt kurzen Strecke macht das nicht viel aus und hat sogar Vorteile: Wir segeln etwas dichter unter Land, dadurch sind die Wellen etwas schwächer, und es gibt auf dieser Seite keine Untiefen, die wir beachten müssten.
Nach dem Stress mit den vergeigten Wenden segel ich jetzt längere Schläge. Setze zwischendurch das Ruder fest. Stelle mich nach einer Weile an den Mast, um das Biegeverhalten mit der neuen Trimmung genauer anzuschauen. Und kriege einen derben Schreck verpasst. Der Mast biegt sich wieder in die falsche Richtung. In meinem Kopf nur: WTF!?
Der Blick auf die Uhr sagt, dass Umkehren noch möglich wäre. Allerdings sind wir schon nah bei Seedorf, und auf der Leeseite der Insel sind die Wellen deutlich harmloser als auf der Südseite des Boddens. Die Mastbiegung ist auch nicht sehr extrem, einfach nur unangenehm und es ist klar, dass das nicht länger so bleiben kann. Fürs Wochenende ist es aber okay. Und für die nächsten Wochen ist das hier und jetzt die letzte Gelegenheit, nochmal zu segeln. Ich fahre weiter.
Nur eine dreiviertel Stunde später kommt das nächste Problem. Die Schotwinsch an Backbord greift nicht mehr und dreht mit. Nochmal: WTF!? Diesmal aber etwas leiser. Das Problem kenne ich schon. Die Winschen haben ihr Lebensende erreicht und müssen bald getauscht werden. Erstmal geht es auch nur mit der Klampe. Und mit der Kurbel kann ich sogar auch noch die Winsch benutzen, wenn es sein muss. Also weiter.
Kurz vor der Bucht, in der Seedorf liegt, frischt der Wind nochmal auf. Aimé legt sich weit über, ich kann den Druck im Rigg spüren. Das Vorsegel zieht die Schot auf Spannung. Ohne Winsch kann ich das Segel nicht wirklich dicht holen. Zumal der misslungene Trick mit dem Aufschießer vorhin viel Zeit gekostet hat. Vor der Wende drehe ich nochmal kurz an der Backbordwinsch, testweise. Und sie rastet ein! Sie ist zurückgekommen! Irgendwann nach einem Ausfall ist das schonmal passiert. Aber oft auch nicht. Und jetzt, wo es wirklich hilft, kommt sie zurück. Mir wird richtig warm ums Herz und im Hinterkopf deutet sich ein naiver Schicksalsglaube an. Danke, wer oder was auch immer hier mit verantwortlich ist.
Nach dem Aufkreuzen segeln wir hoch am Wind durchs Fahrwasser. Der Gobbiner Haken, eine zu allen Seiten geschützte, wunderbare Ankerbucht, zieht vorbei. Heute wollen wir nach Seedorf. Aufregung stellt sich ein. Hoffentlich kann ich dort längsseits anlegen. Allein in eine Box - das hab ich noch nie gemacht (wird Zeit, das mal zu üben). Vor der Einfahrt berge ich die Segel. Der Wind weht ablandig und ich habe genug Zeit, Fender und Leinen vorzubereiten.
Im Hafen liegen kaum noch Boote, die meisten Boxen sind leer. Mitten im Hafen dümpelt ein Angler. Er sitzt in einer Art Luftreifen und hat einen bis zur Brust geschlossen wasserdichten Anzug an, die Angel hält er in der Hand. Ein merkwürdiger Anblick.
An einem Längssteg sehe ich genug Platz. Ich drehe dort rein, und dank der großen, dicken Kugelfender gelingt das Manöver problemlos. Boot festmachen, geschafft. Im doppelten Wortsinn - ich bin selbst von der Überfahrt und der Aufregung ziemlich geschlaucht.
Trotzdem gehe ich erstmal von Bord. Es ist saukalt und unter Deck könnte ich mich jetzt sowieso nicht erholen. Und die Gegend um Seedorf ist ziemlich malerisch. Kurz nach dem Ortsausgang biege ich von der Hauptstraße in einen kleinen Weg ab, der mich schon bald in den Wald und in die Hügel führt. Die Sonne ist inzwischen untergegangen, am westlichen Himmel leuchten rot die Wolken, der Himmel darüber ist tief dunkelblau. Eine Weile stehe ich versunken da und blicke in diese farbige Ferne. Sehnsuchtsgedanken.

17. Nov. 2012

erstmal: impressionen

01. Nov. 2012

Alleinfahrt - Vorbereitung
Das Gute am segeln ist, dass es keine Termine gibt. Klar, Brückenöffnungszeiten, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Tiden, Wind und Wetterfenster, das alles ordnet die Zeit und (auch) deshalb ist segeln eine Zeitfrage. Trotzdem: Es gibt nichts und niemanden, der sich ärgern muss, wenn Sachen später passieren oder früher, wenn es nicht die Brücke um neun wird sondern die um elf. Und das passiert mir leider oft genug. Bisher dachte ich immer, dass das an meiner Langsamkeit liegt. Daran, dass ich Dinge nicht schnell genug erledige. Dass ich zu spät aufstehe. Dass ich einfach total ineffizient bin. Heute habe ich das mal umgedreht. Und das geht so. Dieses wochenende will ich segeln, sechste Alleinfahrt 2012. Für mich eine kleine Expedition, weil ich lange nicht allein unterwegs war (und noch immer der Autopilot nicht eingebaut ist). Ursprünglich hatte ich große Pläne. Stralsund, Hiddensee, vielleicht sogar rund Rügen. Die realistische Planung ergab dann als Zeitrahmen das verlängerte Wochenende von Freitag bis Sonntag. Vor der Abfahrt wollte ich noch das Rigg umtrimmen, weil das Boot mit dem starken Mastfall viel zu luvgierig ist.
Den Riggtrimm mache ich am vormittag, dachte ich, dann brauche ich noch eine Stunde, um das Boot vorzubereiten - alle Segel anschlagen, alles seefest verstauen - und dann nehme ich die Brücke um eins.
Weil ich inzwischen weiß, dass selbst meine besten Pläne eine Mischung aus Wunschtraum und realistischer Einschätzung des Zeit- und Kraftaufwands sind, war bald klar, dass das so nur unter Stress zu schaffen ist. Und dass ich hektisch losfahren würde. Also umdisponieren. Zeit nehmen für die Vorbereitung. Nicht hektisch starten. Und schon gar nicht stressgeschwächt.
In einem Buch von Bernard Moitessier, erzählt er davon, dass er vor einer längeren Fahrt das Boot sorgfältig und ruhig vorbereitet und dann am Abend aus dem Hafen fährt, um irgendwo in der Nähe vor Anker zu gehen, und am nächsten Morgen ausgeschlafen und ausgeruht zu starten. Das hat mich beim Lesen fasziniert, und auch wenn ein Wochenendtörn quer über den Greifswalder Bodden keine Ozeanpassage ist, gilt doch das gleiche auch hier: Lieber ausgeruht auf die Reise gehen.
Und das bedeutet, sich genug Zeit zu nehmen für die Vorbereitung. Dieses Mal hat das einigermaßen funktioniert. Das Rigg ist neu getrimmt, das Großsegel ist angeschlagen, unter Deck ist außer den Sachen des täglichen Bedarfs - Heizlüfter, Essen, Pullover, etwas Geschirr - alles verstaut. Das Großsegel habe ich testweise einmal ganz hochgezogen, um zu sehen, ob alles passt. Und das war eine gute Idee, weil tatsächlich das erste Reff zu kurz war und am Achterliek zog. Das konnte ich dann noch ändern. Wäre blöd gewesen, das erst unterwegs zu merken.
Daraus ziehe ich auch noch eine zweite Lehre: Vor einer Alleinfahrt muss alles überprüft werden, was neu gemacht wird und nicht schon im Einsatz war. Zum Beispiel ein neu angeschlagenes Großsegel.

Ansonsten freue ich mich auf den Segeltag morgen. Ein bisschen Schiss hab ich auch. Mehr sogar als bei den ersten Fahrten, glaube ich. Da war ich noch unbedarfter, hatte weniger überlegt, was schief gehen könnte. Bei den ersten Fahrten habe ich eine Leine hinterher gezogen, weil meine größte Sorge war, was ich mache, wenn ich über Bord gehe und das Boot mit festgelegtem Ruder am Wind einfach weiterfährt. Inzwischen ist das nicht mehr so problematisch. Ich bewege mich an Bord eher zurückhaltend. Kein riskantes Tänzeln auf der Kante jedenfalls. Nach der Gewitterfahrt im Sommer hab ich eher Schiss vor stark auffrischendem Wind und dass ich dann das Boot allein nicht mehr richtig kontrollieren kann, vor allem beim Segelwechsel. Vorsegelwechsel sind dabei kein Problem, weil das Boot nur mit dem Großsegel stabil zum Wind liegt und ich mit festgelegtem Ruder auf dem Vorschiff in Ruhe arbeiten kann. Nur das Bergen des Segels ist ein bisschen aufregend und bei höheren Wellen problematisch, weil das Boot dann sehr schnell einstoppt und quertreibt, sodass wenig Zeit bleibt, das Boot nach dem Drehen in den Wind geradeaus zu stabilisieren, zum Mast zu laufen, das Fall zu lösen und das Segel auf Deck zu ziehen. Aber je mehr Wind desto kleiner die Vorsegel, deshalb hatte ich da noch nie Probleme.
Schwieriger ist das Reffen des Großsegels in Fahrt, weil das Boot da die ganze Zeit allein auf Am-Wind-Kurs bleiben muss. Mit dem richtigen Trimm macht Aimé das auch sehr gut, und bisher hatte ich noch nie Probleme. Aber ein wenig kritisch fühlt es sich trotzdem an, vor allem bei unregelmäßiger Welle und böigem Wind.
Aber bisher ist alles gut gegangen, und allein unterwegs setze ich sowieso meist erstmal weniger Segelfläche als mit Crew.
Heute abend also Ende der Vorbereitung. Morgen Beginn der Ausfahrt.

26. Oct. 2012

herbstsegeln
heute eine kurze ausfahrt auf den bodden. sonne, kräftiger wind. kühl. ich glaube, so spät im jahr bin ich schon sehr lange nicht gesegelt. meistens war die letzte tour im september. herbstsegeln.
unterwegs frage ich mich, wie denn nun von einer fahrt erzählt werden kann. wie sich das aufschreiben, notieren lässt. die gischt auf den wellen, das glitzern der sonne, eben diese ganze reihe von eindrücken, die sich unterweg so echt und groß anfühlen und so schwer mit an land zu nehmen sind.
gut ist, dass die moderne technik inzwischen selbständig mitschreibt bei so einer fahrt. hier der auszug aus dem automatischen logbuch

12:00:00 CEST: LOGBOOK: 2012-10-12 10:00:00 UTC GPS Lat 54.09968 Lon 13.38799 COG 327.52000 SOG 0.60
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16:00:00 CEST: LOGBOOK: 2012-10-12 14:00:00 UTC GPS Lat 54.15978 Lon 13.50909 COG 206.43000 SOG 7.42
16:30:00 CEST: LOGBOOK: 2012-10-12 14:30:00 UTC GPS Lat 54.11345 Lon 13.46448 COG 198.78000 SOG 5.82
17:00:00 CEST: LOGBOOK: 2012-10-12 15:00:00 UTC GPS Lat 54.09430 Lon 13.45078 COG 66.44000 SOG 0.30
17:30:00 CEST: LOGBOOK: 2012-10-12 15:30:00 UTC GPS Lat 54.09877 Lon 13.40748 COG 283.20000 SOG 4.48
18:00:00 CEST: LOGBOOK: 2012-10-12 16:00:00 UTC GPS Lat 54.09941 Lon 13.39020 COG 113.35000 SOG 0.00
18:30:00 CEST: LOGBOOK: 2012-10-12 16:30:00 UTC GPS Lat 54.09941 Lon 13.39020 COG 113.35000 SOG 0.00

und bilder.

und video

12. Oct. 2012

Böenwalze auf Video
Das Video haben wir augenommen, während die Böenwalze langsam näher kam. Wir dachten noch nicht an Gewitter, aber rückblickend ist das schon im Video zu sehen - eine weit ausgreifende Gewitterfront zieht auf. Die Hinweise waren vielleicht auch schon da, nur haben wir sie nicht gesehen: ein sehr feuchtes Klima, der Wind zunehmend und zur Walze hinwehend (später drehte der Wind um mehr als 90 Grad und frischte in zwei Stufen abrupt auf bis Windstärke 8 - siehe der bericht dazu).
Inzwischen habe ich den Barographen, der seit einer Weile im Stauraum lag, mit Papier, einem neuen Filzschreiber und mit neuen Batterien versorgt und im Salon montiert, was nicht nur schön aussieht, sondern hoffentlich auch die nächste Front zusätzlich mit der Druckkurve anzeigt.

04. Oct. 2012

metall ist elektrisch und sauerei mit der ankerwinde
nachdem ich lange zeit - ja, hallo einbildung - überzeugt war, dass die elektrik an bord überall gut verdrahtet ist, habe ich das endlich mal überprüft. oder besser: habe ich versucht, das zu prüfen. erneut auf das thema gestoßen hat mich ein posting bei attainable adventure cruising, in dem es um den nutzen von zweipoligen schutzschaltern auf alubooten geht.
das hat mich nicht dazu gebracht, jetzt alles umzustellen und zweipolig abzusichern - obwohl das prinzipiell sehr einfach nachgerüstet werden könnte. ausschlaggebend für meine checks an bord war die frage nach einer guten möglichkeit, etwaige ungewollte ströme durch die metallische außenhaut des schiffs festzustellen, um sie dann abstellen zu können. denn wenn das boot unter spannung steht, führt das zu verstärkter elektrolytischer korrosion. und das ist auch für ein stahlboot sehr schlecht.
also hab ich mal gemessen um zu sehen, wie das bei aimé aussieht. idealserweise ist das gesamte 12-volt-netz nur an einer stelle mit dem rumpf verbunden, und das ist die erdung am motor. also hab ich die mal abgeschraubt und dann zwischen rumpf und den batteriepolen gemessen. minus und rumpf war null, plus und rumpf war - spannung. und zwar genau batteriespannung. schlecht. also nacheinander alle kabel vom netz getrennt (und dabei gemessen). das ergab zunächst, dass die leitung über die ankerwinde läuft. die hab ich damals selbst verkabelt. allerdings hab ich nie nachgeschaut, wie das teil innen verkabelt ist. was vermutlich ein fehler war. denn als ich versuche, das gehäuse zu öffnen, zeigt sich, dass es an den beiden haltebolzen festgerostet ist. oder festkorrodiert. aluminiumoxid ist nicht rotbraun wie der typische eisenrost, sondern weiß. sieht zwar nicht so übel aus, ist aber genauso übel.
mit auskratzen und leichten hammerschlägen lässt sich das gehäuse lösen. aber was dann zum vorschein kommt, hätte ich lieber nicht gesehen. innen ist alles heftig korrodiert. im schutzgehäuse liegen dicke weiße brocken. der elektromotor ist auch schon angerostet. wunderbarerweise waren die kabelbefestigungen durch das polfett geschützt, die muttern lassen sich leicht abschrauben. jetzt zeigt sich auch, dass die minusleitung so am motor befestigt ist, dass dadurch gleichzeitig das gehäuse geerdet wird. und es zeigt sich, dass die winde entsprechend falsch montiert ist. durch die bolzen und den ketteneinlauf ist sie leitend mit dem rumpf verbunden. und das soll nicht sein.
ich habe vorher am tag einige roststellen am rumpf lackiert, und wahrscheinlich ist mir das lösungsmittel in der sonne so richtig in den kopf gestiegen. jedenfalls folge ich ohne zu überlegen dem impuls, auch den motor noch abzunehmen, um den mal sauber zu machen. was an sich nicht falsch ist. ich löse also die schrauben. was auch gut geht. und mir freude macht. bis sich aus der winde plötzlich braunes zeug auf den isolierklotz aus teak und von da aus übers deck ergießt. das öl, mit dem die winde gefüllt ist.

es war dringend nötig, das teil aufzumachen. früher oder später hätte das großen ärger und sehr große probleme gegeben. entweder bei einer situation beim ankern oder, noch schlimmer, wenn der rost am schluss das ganze ding unter strom gesetzt und einen kurzschluss provoziert hätte. die winde hat die dicksten leitungen an bord, und die großzügigste sicherung. bis die auslöst fließen hundert ampère.
die ölsauerei hätte trotzdem nicht sein müssen.
jetzt hab ich die isoliereinsätze für die bolzen bestellt und hoffe, dass die bald hier ankommen. bis dahin wird die winde schön gesäubert und gepflegt, und dann ist ein weiterer refit-schritt gemacht.

18. Sep. 2012

bilder von der boenwalze
bevor das gewitter richtig da war, haben wir ein paar bilder von der boenwalze gemacht. und dabei ständig gerätselt, ob das nicht doch einfach nur nebel ist, den der wind von der wasseroberfläche abhebt. prinzipiell haben wir damit vielleicht sogar recht gehabt. nur wieviel wind das ist, der da den dunst abhebt - da lagen wir komplett daneben..

13. Sep. 2012

blitzschutz
Nach der Gewittererfahrung während der Sommerfahrt - Böenwalze mit Sturmstärke, dann mehrere starke Gewitter - hab ich nach Wissen zum Blitzschutz und nach Erfahrungen erster Hand gesucht. Und musste feststellen, dass es im Netz ziemlich viel gibt, aber kaum Genaues, und fast keine Erfahrungsberichte.
Das spricht erstmal dafür, dass die Rede von der geringen statistischen Wahrscheinlichkeit, mit der ein Boot vom Blitz getroffen wird, zumindest nicht falsch ist. Oder trauen sich die Leute nicht, darüber zu schreiben? Denn auf der anderen Seite lagen wir in Wladyslawowo neben einer holländischen Segelyacht, bei der sämtliche Instrumente im Masttop zerstört waren, und der Radarreflektor baumelte nur noch an einer von zwei Halterungen vom Achterstag. Blitzschlag. Der Skipper, ein Alleinsegler, wirkte ein bisschen verstört.
Die gute Nachricht, die ich aus den verschiedenen Forumsdiskussionen rausgelesen habe, ist, dass wir mit Aimé ziemlich gut fahren - im Stahlrumpf ist man vor dem Blitz bestens geschützt. Die Strategie, während des Gewitters unter Deck zu gehen, war also erstmal richtig.
Und auch die Blitzableitung funktioniert auf einem Stahlboot gut. Der Blitz schlägt im Topp oder im oberen Drittel in die Wanten oder Stagen ein, wird dann von den Drähten in den Rumpf geleitet und durch den Rumpf ins Wasser. Weil Mast und Wanten mit dem Rumpf leitend verbunden sind - unsere Püttings sind aus Niro und auf den Rumpf geschweißt - sollte das theoretisch funktionieren. Der Verband der Elektrotechnik (VDE) bestätigt diese Überlegungen in seiner Broschüre zum Blitzschutz auf Yachten.
Damit ist allerdings noch nicht alle Gefahr gebannt. Blitze erzeugen ein so starkes elektromagnetisches Feld, dass die Elektronik trotz guter Ableitung kaputt geht. Sofern sie nicht in einem Metallkoffer geschützt liegt, was an Bord mit den Instrumenten, die in Benutzung sind, leider nicht zu machen ist. Empfohlen wird ein massiver Potenzialausgleich, aber die Leitungsquerschnitte, die vom Blitz nicht zerstört würden, sind etwas zu groß, um wirklich praktikabel zu sein. Zumal wenn es darum geht, das nachträglich zu installieren.

Meine Lösung ist deshalb:

  • Die Steuerung des Autopiloten so einbauen, dass das Boot damit von unten gesteuert werden kann.
  • Backup für die notwendigen Instrumente, das heißt ein Metallkoffer mit Laptop und GPS-Maus, die im schlimmsten Fall auch eine schwierige Ansteuerung ermöglichen. Was vor allem wegen der Seekarten wichtig ist, weil wir inzwischen nur noch die Übersegler auf Papier haben.

Wenn uns also nochmal eine so massive Gewitterfront begegnet, sollte die neue Routine so funktionieren:

A) mit ausreichend Seeraum

  1. Großsegel ins dritte Reff und Sturmfock setzen
  2. beidrehen
  3. unter Deck gehen
  4. Ausguck: AIS-Radar, durch die Fenster und gelegentlich draußen ein Rundumblick

B) in Küstennähe

  1. Großsegel ins dritte Reff und Sturmfock setzen
  2. sobald der Wind sich eingedreht hat, Kurs absetzen und Segel einstellen
  3. unter Deck gehen, Steuerung mit Autopilot (unter Deck bedienbar)
  4. Ausguck: AIS-Radar, durch die Fenster und häufiger draußen ein Rundumblick

Falls im Szenario B ein Blitzschlag die Elektronik zerstört, wird mit der Notpinne in der Achterkabine nach Magnetkompass gesteuert. Damit können wir - wir habens ausprobiert - einen Kurs auf ca. 30 Grad (nach Backbord und Steuerbord) genau halten. Was für die meisten Situationen in Landnähe ausreichend sein sollte.

Es mag ein bisschen hysterisch wirken, und jetzt, so im Sonnenschein zuhause, kommen mir diese Vorkehrungen angesichts der geringen Wahrscheinlichkeit des Blitzschlags fast übertrieben vor. Auf der anderen Seite steht aber die Erinnerung an die Gewitterfahrt und das Bild des zerstörten Masttopps bei der Yacht, die später neben uns lag. Das Boot muss für diese Eventualität gewappnet sein, erst dann ist es wirklich sicher auf See.

11. Sep. 2012

gewitter
seit neun tagen sind wir inzwischen unterwegs, segeln die polnische küste entlang. bisher kein impuls zu schreiben. gestern dann aber einschneidendes, heftiges gewitter, ein riss im großsegel, und ein riss im ablauf der ereignisse.

sonnenschein, diesig, warm

der wetterbericht hat für den tag schwachen wind angekündigt, rechtdrehend von südost auf west, also günstig für uns. regen am späten nachmittag, aber ohne besondere windveränderung. also legen wir früh ab. um kurz nach sieben sind wir aus dem hafen raus und haben die segel gesetzt. mit dem gennaker segeln wir bei sehr schwachem wind aus südwest mit zwei bis drei knoten längs der küste. einige stunden später schläft der wind ein, wir motoren eine weile, dann dreht der wind auf ost. erstes zeichen. wir setzen die genua und das groß, müssen kreuzen. ich mokiere mich über den wetterbericht und bin gleichzeitig verunsichert angesichts dieser unvorhergesagten winddrehung. vier kreuzschläge später hebt sich hinter uns, in lee, also im westen, der dunst vom meer ab und wandelt sich zu einer langgezogenen wolke, die sich vom land aus einmal quer über den horizont bis weit hinaus auf see zieht. ich filme das und denke, wow, da hebt sich der dunst ab. tags zuvor habe ich noch über gewitter gelesen, und weiß daher theoretisch um die böenwalze, die ein gewitter vor sich her schiebt. frage mich, ob diese lange wolke wirklich nur dunst ist oder ein gewitter ankündigt. zweites zeichen.
in lee wird es stetig dunkler. die lange wolke kommt weiß leuchtend umso besser zur geltung. von ferne hören wir donner. drittes zeichen.

erste böenwalze

während sich die dunkelheit in lee weiter vertieft und langsam zu der sprichwörtlichen schwarzen wand wird, wandert die lange weiße wolke gegen den wind auf uns zu. der untere rand ist ausgefranst, inzwischen ist klar, dass das kein dunst ist, sondern eine böenwalze.
hinter uns segelt noch ein anderes boot, und ich versuche zu erkennen, ob sich bei denen etwas zeigt, aber wir sind zu weit entfernt. also auf starkwind vorbereiten. wir reffen das großsegel ins zweite reff, bergen dann die große genua. noch bevor wir die kleine fock setzen können, ist die walze da. mit wucht trifft die luft aufs eingereffte groß, aimé legt sich weit über. ich falle ab, fiere das segel. dann setzen wir die zwanziger fock. der wind hat schlagartig um neunzig grad auf nord gedreht. mit halbem wind laufen wir unter der kleinen besegelung sechs knoten. nach der ersten böe weht es jetzt mit fünf beaufort, und ich denke noch, wenn das so bleibt, sind wir ziemlich bald da.
nördlich von uns entlädt sich ein kleines gewitter. inzwischen ist klar, dass das hier keine durchziehende gewitterbö ist, sondern eine ganze gewitterfront. viertes zeichen.
im westen wird es immer dunkler. wir können die wolke nicht sehen, die sich da auftürmt, weil die ausläufer schon über uns sind. die sonne ist weg, im dunstigen zwielicht ist die nahe küste nur noch schemenhaft sichtbar, der andere segler hinter uns ist verschwunden.
beim blick nach hinten sehe ich eine weitere walzenwolke, nur noch angedeutet, weil hier keine sonne mehr hinfällt. frage mich, ob das eine böenwalze ist? obwohl wir doch schon eine hatten? ich entscheide mich für die hypothese, dass aus dieser wolke donner, blitze und regen kommen, dass der wind aber bleibt. und also die besegelung so bleiben kann. eine fehlentscheidung.
zehn minuten später ist diese wolke fast da, und ich sehe, wie das wasser hinter uns schwarz wird. starkwind. l. ist sofort am mast und fiert das großfall, um das segel ins dritte reff zu setzen, aber zu spät. bevor sie das reff dicht setzen kann, ist die walze da.

sturm, finsternis

wie vorher trifft uns die luftmasse mit wucht, diesmal aber mit sturmstärke. fast gleichzeitig mit dem wind peitscht starkregen in die segel und uns ins gesicht. die sicht verringert sich auf wenige meter, sofort steilt sich eine hohe windsee auf. aimé legt sich weit über, die leeseite des decks wird unter wasser gedrückt. der wind reißt das großsegel wieder nach oben. l. liegt fast auf dem mast, so weit krängt das boot. das großsegel flattert brutal im wind, will nicht nach unten. der sturm ist so laut, dass wir uns nur noch durch zeichen verständigen können, alle gebrüllten worte werden auf dem weg zwischen cockpit und mast übertönt.
l. wir wechseln die positionen, l. hält das boot auf kurs, ich zerre das großsegel runter und binde es auf den baum. endlich können wir abfallen.
nur mit dem vorsegel und vor dem wind segelt das boot stabil, ist der druck deutlich weniger. die sturmbö hat den regen durchs offene lukenschott ins boot gedrückt, drinnen ist einiges nass. auch den kartentisch hats erwischt. aber der beweist, dass er gut gebaut ist. innen ist er trocken geblieben. und die maus zur bedienung des plotters ist wasserdicht, in weiser voraussicht. ich wische notdürftig alles halbwegs trocken. eine halbe stunde später flaut der wind plötzlich wieder ab, lässt der regen nach, lichtet sich die finsternis, kommt der himmel wieder zum vorschein.

beim bergen des großsegels habe ich mit tunnelblick ausgefranstes segeltuch registriert. nach der sturmbö checke ich das segel nochmal genau. in der tat hat die verspätet eingeleitete bergeaktion mit dem flattern uns erstmal das großsegel gekostet - auf höhe der dritten segellatte zieht sich ein riss vom achterliek entlang der lattentasche. die segellatte hat der sturm mitgenommen. und auch die oberste segellatte hat es aus der tasche geschüttelt, obwohl das segel an dieser stelle ganz geblieben ist.
nur mit dem kleinen vorsegel sind wir jetzt zu langsam. das wäre nicht schlimm, wir machen immer noch okay fahrt, knapp vier knoten. wenn nicht im westen das nächste gewitter aufziehen würde. das großsegel können wir nicht mehr setzen, und ein größeres vorsegel wollen wir nicht setzen, weil die nächste sturmbö schon im anzug ist. ich starte den motor. mit der kleinen fock und motorunterstützung laufen wir vor dem wind sechs knoten. wir wollen so schnell wie möglich in den hafen, am besten vor dem nächsten gewitter.

die geringe sicht in der bö hat uns den anblick von blitzen erspart, während wir mit dem segel kämpften. aber jetzt, während die nächste wand anzieht, sehen wir die blitze, ist der donner lauter und näher als vorhin. ein innensteuerstand wäre schön. nach dem wind hab ich vor allem schiss vor einem blitzeinschlag während wir an deck sind. unter deck sind wir sicher, der stahlrumpf leitet den blitz gut ab. aber oben fühlt es sich nicht gut an.
kurz entschlossen setze ich das notruder auf. es ist so konstruiert, dass es nicht von außen zugänglich ist, weil das vierkantroher, das aufs ruder geschweißt ist, einen kleinen schlag hatte. was ich vorher als manko empfunden habe, ist jetzt optimal - ich sitze in der achterkabine und steuere von dort aus das boot. durch den gang sehe ich den monitor vom kartenkplotter und kann so das boot auf kurs halten. lea ist im vorschiff und hält ausschau durch die fenster. das vorsegel haben wir geborgen. die nächste bö trifft uns besser vorbereitet. wieder peitscht starker regen das schiff, zwischendurch knallen fingerdicke hagelkörner aufs deck und auf die luke. aber drinnen sind wir geschützt, das boot lässt sich leidlich gut auf kurs halten.

blitz

als das schlimmste vorbei ist, setzen wir uns wieder raus. unten sind die sinne doch noch stärker eingeschränkt als oben, und das eine oder andere schiff ist in dieser gegend eben schon auch unterwegs. über uns lichtet sich schon der himmel, die küste ist jetzt gut erkennbar, sogar die hafenmole sehen wir schon, und ein ausflugsschiff, das wie wir auf den hafen zusteuert. das gewitter zieht ab und die nächste wand ist noch ein stück entfernt, sodass wir es vorher schaffen könnten. als plötzlich ein einzelner blitz, wie aus heiterem himmel, kurz vor uns, zwischen uns und dem ausflugsboot, ins wasser fährt, mit einem zischenden geräusch und einem unmittelbar folgenden knall. fuck.
wir sehen schon die kirche, die an land ihren hohen turm erhebt. auf dem turm thront ein kreuz, und ich schicke, ganz entgegen meiner atheistischen gewohnheiten, ein stoßgebet gen himmel.
es bleibt ein vereinzelter blitz. kurz vor der einfahrt erreicht uns dann die nächste regen- und sturmwand. aber das schreckt uns jetzt nicht mehr. wir packen leinen und fender aus, bereiten das boot vor, legen uns in eine der fingerstegboxen, neben eine wunderschöne mahagoniketsch. das anlegen ist inzwischen fast routine, und trotz widriger bedingungen - starker seitenwind und kurze stege, die nur knapp über unsere mittelklampe hinaus reichen - ist das die einfachste übung an diesem tag.
wir sind erschöpft. langsam fällt die anspannung ab. und wie eine kleine ironie scheint die gewitterfront jetzt durchgezogen zu sein, die sonne kommt. wir hängen die nassen sachen raus. kauen rosinen und nüsse. spannen dann die fallen ab. und stehen beide nochmal am mast. was ist uns da gerade eben passiert? hallo? lagen wir gerade wirklich bei steilen wellen und sturm, blind von regen, wind und finsternis, halb auf dem mast und zerrten das zerrissene segel runter, um schlimmeres zu verhindern?

danach - lehren

während wir auf den hafen zufuhren und die dritte wand aufzog, die uns dann erst im hafen traf, kam der gedanke: will ich das überhaupt? will ich so eine wetterlage und so eine situation, so eine beispiellose doppelte böenwalze irgendwann nochmal erleben? nein. will ich nicht. und was ist die konsequenz, wenn ich das auf keinen fall nochmal erleben will? aufgabe. ende. jollensegeln in landnähe.
heute, einen tag später, haben wir schon überlegt, was das problem war, was wir anders machen müssen, und was dem boot noch fehlt, um solche situationen gut zu überstehen.

  • vorausschauender reffen. ich habe noch nie so ein heftiges gewitter erlebt. jetzt weiß ich, dass schon vor der ersten böenwalze das groß ins dritte reff kommt und die sturmfock gesetzt wird.
  • sobald wir diese reise beendet haben werden routinen entwickelt: gewitter, aber auch andere extremsituationen wie starkwind oder sturm. dazu gehört, herauszufinden, welche strategie mit dem boot gut geht. das kann auch bei weniger wind ausprobiert werden: beiligen mit sturmfock und groß im dritten reff; beiliegen nur mit groß im dritten reff; beiliegen mit sturmfock und trysegel, beiliegen nur mit trysegel, beiliegen ohne segel; welchen winkel zum wind schafft das boot vor topp und takel.
  • die sturmbö war vielleicht auch ein vorgeschmack auf noch heftigeres. was also noch hermuss: ein trysegel.
  • autopilot einbauen, das steuergerät an den navigationstisch, sodass das boot auch ohne notruder von innen gesteuert werden kann.
  • ais-empfangsgerät besorgen und an den navi-rechner anschließen, damit bei schlechter sicht zumindest die großen schiffe auf dem monitor erscheinen.
  • perspektivisch: ein radargerät, um auch die kleineren boote und die seezeichen in der näheren umgebung von unten zu erfassen.

abgesehen vom riss im großsegel, der auf meine fehlentscheidung zurückgeht, hat aimé diese feuerprobe unbeschadet überstanden. mein vertrauen in das boot ist ein gutes stück gewachsen. und ein bisschen stolz bin ich, bei aller demut, auch auf uns, die crew. abgesehen von meiner fehlentscheidung. wir haben in der extremsituation selbst gut funktioniert und können das boot zu zweit gut händeln. innen war alles so gut gestaut, dass trotz extremer schräglage bis auf ein buch, einen schreibblock, ein schreibheft und einen teller, der aus dem waschbecken flog, alles an seinem platz geblieben ist. damit hat sich auch bewährt, dass ich beim bau der schränke an extreme schräglage gedacht habe und die schlingerleisten der schapps und ablagen zehn zentimeter hoch sind.

vorhin haben wir also das großsegel abgeschlagen und eingepackt. glück ist, dass wir das neue, das ich vor einigen monaten gebraucht gekauft habe, dabei haben. die reparatur des alten segels kann also bis greifswald warten.
jetzt liegen wir erstmal sicher im großen seehafen von wladyslawowo. hier ist der nördlichste punkt polens, danzig ist mit dem boot noch eine tagesreise entfernt. der zug braucht zwei stunden. das haben wir schon gecheckt, weil wir es mit dem boot nicht mehr bis danzig schaffen. es weht heute aus west mit sechs beaufort, in böen acht, schauer- und gewitterböen sind angekündigt und ziehen auch schon durch. die aktion gestern hat auch nicht wenig kraft gekostet, körperlich und seelisch. bis mindestens donnerstag soll das wetter so bleiben, und weil wir in acht tagen zurück in greifswald sein wollen, fällt die letzte etappe dieser reise aus. aber auch wenn das ziemlich an mir nagt ist das die richtige entscheidung. ich sehe kommen, dass wir mit der weiteren ausrüstung des schiffs und mit den routinen, die wir entwickeln werden, bald in der lage sind, auch starken und stürmischen wind zu meistern. aber soweit ist es noch nicht. also bleiben wir hier und fahren mit dem zug nach danzig.

wir sind auch nicht die einzigen, die mit einem schaden eingelaufen sind. zwei boote weiter liegt eine yacht, bei der oben im mast die elektronik abgeweht wurde. der radarreflektor hängt nur noch an einer halterung vom achterstag, eine antenne im top ist verbogen. noch ein boot weiter flattert ein stück der gerissenen genua im wind.

vielleicht führte diese reise von beginn an bis zu diesem punkt. eine verkettung von zeichen und schicksal. in peenemünde nämlich lief nach einer heftigen schauerbö eine polnische segelyacht ein, das vorsegel übel zerrissen. "It was a gusty day", meinte dazu einer der crew. vorzeichen.

07. Aug. 2012

imaginary helmsman
allein unterwegs nach rügen - aimé steuert stabil mit festgelegtem ruder.

29. Jun. 2012

sailing yacht on an imaginary journey

danke an t. für den link.

29. Jun. 2012

nie wieder thiessow
das folgende hätte so auch (fast) bei jedem fahrtziel der fall sein können. es war aber thiessow auf rügen.
losgefahren am samstag, sonnenschein, südwestwind, ungefähr stärke fünf. wollte übers wochenende nur raus. die nachbarn hier hatten eine einweihungsparty angekündigt, auch am hafen war irgendein fest und ich wollte einfach endlich eine ruhige nacht. und nach thiessow wollte ich auch mal. und ich wollte endlich bei einem wochenendausflug nach rügen an land gehen und die gegend erkunden.
aber was der mensch fühlt, das erlebt er: wer ruhe will, hört überall lärm, wer natur will, sieht zivilisation, wer schönheit sucht hat an allem was auszusetzen. vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich von anfang an nicht den beschreibungen der anderen geglaubt sondern gewartet hätte, was sich mir zeigt.
oder auch nicht.
bei schönem wetter am frühen nachmittag abgelegt. ziemlich rechtzeitig für die ein-uhr-brücke. vor der brücke und dem sperrwerk stau und gedrängel. das übliche. gleich nach der hafenausfahrt setze ich das großsegel. nur um zu sehen, dass einer der mastrutscher falschrum sitzt. ungefähr auf halber höhe. shit. die waren beim letzten mal alle aus der nut gerutscht (mastrutscher!), und beim einfädeln während das segel unten ist schleicht sich sowas halt ein. trotzdem blöd. das ist das erste kleine missgeschick an diesem tag.
ich habe das ganze groß gesetzt, dazu die große fock, und der wind drückt das boot mit schneller fahrt voran. mit dem hohen druck im rigg segelt aimé unruhig, und ich bekomme ein unsicheres gefühl. bei den vergangenen alleinfahrten habe ich gelernt, dass es sinnvoll ist, das ernst zu nehmen - und die segelfläche zu verkleinern. also luve ich an, nehme das vorsegel dicht, fiere das groß und lasse das boot mit festgelegtem ruder hoch am wind sich selbst segeln. dass das so gut funktioniert ist für mich immer wieder erstaunlich.
mit gerefftem groß segelt das boot auch auf dem raumen kurs viel ruhiger. das segeln macht spaß. trotzdem bin ich nicht bei der sache. ich brüte über familienangelegenheiten, kurz vor rügen kommt der impuls, jetzt umzukehren und zurückzufahren, die brücke um acht könnte ich noch kriegen... - aber da bin ich schon an der ansteuerungstonne vorbei und die insel mit dem landgang lockt, den ich mir schon lange mal vorgenommen hatte. also hole ich die karte ins cockpit und beginne die ansteuerung.
kurz nach dem zweiten tonnenpaar dreht plötzlich der wind und weht jetzt aus der bucht raus. direkt hinter mir segelt noch ein anderes boot, und die packen bei dem dreher sofort die segel ein und motoren dann an mir vorbei. ich versuche noch ein stück zu kreuzen, bis zum nächsten tonnenpaar ists noch tief genug. aber der wind ist so unregelmäßig, dass ich die segel ebenfalls berge. hab ich bisher kaum gemacht, so weit vor dem hafen. aber an segeln in der engen fahrrinne ist bei gegenwind überhaupt nicht zu denken. und das leitet das zweite missgeschick ein. während das boot durch die fahrrinne fährt, hole ich leinen und fender aus der backskiste. dabei achte ich darauf, dass wir nicht über den tonnenstrich hinaussteuern. und das tun wir auch nicht. in der karte stand zur solltiefe des fahrwassers (2,5 meter), dass zum teil stark abweichende werte gemessen wurden. hab ich noch nie erlebt sowas, aber diesmal ist es soweit - boot nickt ein, steht. aufgelaufen. ein geräusch war nicht zu hören, und die bremsung war nicht plötzlich, also weicher boddengrund. ich schau nach vorne und nach hinten und wir sind perfekt im fahrwasser. klar, nicht direkt in der mitte, aber: im fahrwasser! erst versuche ich, vorwärts gas zu geben, um über den hügel zu rutschen. als das nicht funktioniert, nehm ich den rückwärtsgang. mit vollgas. was uns rettet sind die wellen, die vom weitläufigen bodden in die bucht laufen, ungefähr dreißig zentimeter, schätze ich. die heben das boot immer kurz an und setzen es dann wieder auf den grund. zwischendurch zieht die schraube das boot ein kleines stück zurück. vier bis fünfmal geht dieses spiel, dann sind wir wieder frei. bei jedem neuen aufsetzen nach der welle geht ein ruck durchs boot, und ich kann mir jetzt lebhaft vorstellen, wie verheerend es sein muss, wenn die wellen in solchen situationen höher sind, mit mehr kraft anrollen. dann ist mit einer kleinen schiffsschraube wahrscheinlich nichts mehr auszurichten, schieben die wellen das boot einfach nur immer höher.
aber gottseidank nicht uns. die restliche fahrt durch die rinne dann fast im standgas, um bei einem aufsitzer nicht zu weit in den schlick zu rutschen. grundberührung ist eigentlich nichts schlimmes, sofern dabei nichts kaputt geht und das boot aus eigener kraft wieder freikommt. und trotzdem: das nächste kleine missgeschick in der reihe des tages.
kurz hinter der spitze der halbinsel zicker ist ein großzügiger ankerplatz, der bei allen winden gut geschützt ist. das echolot zeigt konstant 2,2 meter an, das würde für uns gerade so reichen. ich will aber diesmal an land gehen, und auch das abenteuer wagen, alleine in einem fremden hafen anzulegen. die bedingungen dafür sind gut: wenig wind und ein hafen, in dem man längsseits anlegt, was ich schon häufiger gemacht habe mit dem boot. beim einlaufen ruft mir ein typ am kai erstmal zu, der platz, auf den ich in diesem moment anfahre, allerdings erstmal ohne die absicht, dort anzulegen, dieser platz sei für seinen kumpel, der in diesem moment hinter mir durch die enfahrt kommt. ich könne doch hinten in den hafen fahren, dort läge ich auch viel geschützter. na gut. sehr freundlich. inzwischen hab ich mich auch schon dran gewöhnt, dass im leben ständig alle möglichen leute immer wissen, was gerade gut für mich ist. vor allem dann, wenn das gut zu ihren eigenen plänen passt. den platz lasse ich trotzdem gerne frei.
während das boot langsam im hafen treibt, bereite ich alles fürs manöver vor. an der außenmole, direkt neben der einfahrt, ist noch ein platz frei, der so aussieht, als ob aimé genau reinpasst. eine spundwand, aber mit vielen pufferleisten aus plastik, sodass selbst dann, wenn die fender rutschen, das boot nicht gleich am eisen liegt. das manöver klappt problemlos: anfahren, aufstoppen, das auge der vorbereiteten vorspring über den poller legen, schnell zur mittelklampe und festmachen, dann mit der vorspring das boot vorsichtig an den steg legen und mit ruder und motor stabilisieren, dann kommen die restlichen leinen dran. und ich bin ein bisschen stolz auf mich. nach dem misslichen tag hatte ich fast schon probleme erwartet und deshalb auch fast geankert statt in den hafen zu fahren. dass das jedenfalls für meine nachtruhe die bessere lösung gewesen wäre, daran dachte ich in dem moment allerdings noch nicht.
denn thiessow entpuppt sich eben doch als yachthafen, der irgendwann mal ein fischerhafen war und wo auch noch ein paar fischer liegen, die meisten plätze sind aber von yachties belagert. und die werden diese übernahme noch in dieser nacht sehr kräftig feiern...
zuerst aber mache ich mich auf die suche nach der großen aussicht. ich will einmal zur südöstlichsten spitze der insel rügen laufen. auf dem weg checke ich beim hafenmeister ein. und erkenne dort nochmal besser, dass das hier eine marina mit einem spezifischen stil "fischereihafen" ist, so wie eine mottokneipe "ernest hemingway" vielleicht, wo dann ein schwertfischimitat an der wand hängt und ein paar porträts vom autor. denn thiessow ist mit 18 euro bisher mit der teuerste hafen auf ganz rügen, den ich anlaufe, und ich habe schon ein paar häfgen besucht: greifswald stadthafen, gager, lohme, glowe, vitte (hiddensee), breege, stralsund. fischerhafenromantik adé.
die kleine wanderung rund ums südperd ist nachher wenig spektakulär. ich hänge auch mit meinen gedanken woanders. die inselspitze ist touristisch auch einfach zu gut erschlossen, das aber einigermaßen dezent, abgesehen vielleicht vom riesigen campingplatz an der boddenseite und den üblichen sportlich-bräsigen baywatchern von der dlrg, die gerade in ihrer strandbude ein kleines grillfest veranstalten als ich vorbei gehe.
es ist schön, diese spitze mal von land aus zu sehen. und trotzdem findet sich gleich die nächsten sehnsuchtsorte: von hier aus sieht man die greifswalder oie auf der hohen ostsee blitzen und nach osten hin bis zum polnischen festland. nächste reisen.
am abend lege ich mich früh ins bett, gegen zehn. ich will aufstehen, wenns hell wird, um halb fünf, um rechtzeitig vor dem angekündigten dauerregen in greifswald zu sein und um mit k. zusammen zu frühstücken. aber auf zwei booten ist party. einmal wird zur gitarre gesungen, und sowas finde ich eigentlich super. nur in diesem moment nicht. nach einer weile schaue ich raus, kucke rüber und überlege, ob ich irgendwelche einschlägigen zeichen mache (hände aufs ohr). da hören sie dann aber erstmal auf. für zehn minuten. dann gibt es den nächsten hit. ich dreh mich um und halt mir die ohren zu. es ist der letzte, den sie draußen machen, dann wirds ruhig. ich schlaf schon ein. wache gleich wieder auf von dumpfen bässen. die beiden freunde, die so gerne nebeneinander liegen wollten, sitzen im cockpit und haben die anlage voll aufgedreht. ich hör den bass durch die isolierten stahlwände und die verschlossenen luken. liege gefühlt zwei stunden wach. dann zieh ich mich an, geh rüber. sie machen auch wirklich leiser. die blöden sprüche und die lästerei, als ich gehe, nehme ich dafür gerne in kauf.
nie wieder thiessow.
um kurz nach vier wache ich auf. draußen ist schon morgendämmerung. ich frühstücke café und flakes. bereite dann das boot vor. schlage das vorsegel an. um kurz nach fünf sind die leinen los, tuckern wir langsam durchs fahrwasser. bei der ankerbucht setze ich den gashebel auf standgas und packe leinen und fender ein. an der stelle von gestern kommen wir diesmal gut vorbei. im licht der aufgehenden sonne kann man ganz deutlich die stellen sehen, an denen das flach sich in die fahrrinne zieht - die rinne ist ein ausgefranster dunkler streifen, in den die hellen sandzacken ragen.
am letzten tonnenpaar gehen die segel hoch. der wind ist deutlich stärker als die angekündigten zwei beaufort. eine gute vier. und er kommt etwas östlicher ein als süd, was günstig ist für die heimreise. ich setze das ganze groß und die große fock, mit dem gedanken daran, dass der wind bald abflaut. aimé schiebt sich kraftvoll durch die wellen, legt sich weit über. obwohl ich merke, dass das groß gerefft werden müsste, lasse ich die segel eine ganze weile so stehen. erst als der wind noch stärker wird, reffe ich das groß. aimé segelt jetzt besser und dabei nicht langsamer. wenn das boot auf eine schaumkrone trifft, sprüht die gischt übers vordeck. der himmel ist von strukturlosen wolken bedeckt. im osten sieht es noch hell aus, ich erahne den blauen himmel, aber im westen zieht sich alles ganz dunkel zusammen und ich bin froh, dass wir so früh losgekommen sind. jetzt, auf der fahrt, kommt endlich die entspannung, die ich gesucht habe. das boot fährt stabil hoch am wind, kommt gut durch die wellen, und erzeugt eine stille begeisterung.
fast auf die minute erwischen wir die erste brücke. unterwegs holen wir noch k. mit seinem fahrrad ab. dann: anlegen, festmachen, angekommen. x-te alleinfahrt.

26. Jun. 2012

erste ausfahrt dieses jahr
vor inzwischen neun tagen sind wir das erste mal rausgefahren, l. und ich. nach den vielen basteleien, vor allem nach der sanierung des kiels und den riggarbeiten, hat das sehr gut getan. das boot segelt noch. wir segeln noch. dafür hat sich dann alles gelohnt. und zwar nicht, weil man das aufrechnen könnte, arbeit und segeln. es gibt ja immer diese formeln, soundso viele stunden arbeit für eine stunde segeln. mag ja alles sein. aber gelohnt hat sich das, weil diese rechnungen, wenn wir einmal auf dem wasser sind und die segel setzen, wenn das boot sich leicht auf die seite legt, fahrt aufnimmt, sich in den wellen wiegt, weil dann diese rechnungen wenigstens in dieser zeit keine rolle mehr spielen.

17. May. 2012

das rigg trimmt dich
heute mit l. das rigg getrimmt. alleine ging das die ganze zeit nicht, weil ich einmal hoch in den mast musste, um die bolzen für die unterwanten zu checken. das war dann schonmal akt 1 der geschichte heute. lea zog mich hoch bzw. wir zogen mich gemeinsam hoch - ich wie damals in der grundschule am kletterrohr beidhändig an der festgelaschten dirk, l. am großfall, an dem ich mit dem bootsmannsstuhl hing. ein bisschen höhenangst hab ich schon, das führt dann dazu, dass ich, einmal auf der höhe angekommen, wo die sachen zu tun sind, alle bewegungen wie in zeitlupe mache. vor allem aus angst, ein schraubenschlüssel, das teflonspray oder irgendwas anderes könnte mir aus der hand fallen (und in die tiefe stürzen..).
es ging aber alles gut. in der tat war der bolzen seitlich ein stück aus dem mast gewandert. jetzt sind beide seiten geklebt, einmal mit sikaflex, was noch fest war, einmal mit gewindekleber. wir werden das beobachten.
am schluss hing am beschlag für das babystag noch ein stück tape lose rum, das eigentlich die sicherung abdecken sollte. ich hatte keine lust, nochmal hoch zu klettern, also ging l., die auch bock auf die aussicht hatte. insgesamt ein ziemliches geracker, da immer hoch und runter.
morgens hatte ich die winschen gewartet, innen noch aufgeräumt und gesaugt, den sand vom deck gefegt, das wasser aus der motorbilge geschöpft, das beim verschieben des rohrs aus dem auspuff gelaufen war. dann noch hundert kleinigkeiten.
nach der mastkontrolle kam der masttrimm. der macht uns probleme, seit wir das neue stehende gut haben, also von anfang an. leider war diese erfahrung mit der werft eine ziemlich schlechte damals. wir hatten die drähte und alles in auftrag gegeben, und als das boot im wasser war, sollte das dann gemacht werden. die grob abgelängten drähte wurden montiert, der mast mit dem kran aufs deck gestellt, um die exakten längen zu ermitteln. dabei wurde allerdings nicht gemessen oder so, sondern der typ, der das machte, schaute nur einmal von schräg vorne auf den mast, meinte: "passt so", dann wurde der mast wieder gelegt, um die wanten zu schneiden. am ende stand der mast schief auf dem deck. nicht so deutlich sichtbar, aber irgendwann merkte ich das doch und maß das, und siehe, der mast war schief. sonst freue ich mich, wenn ich auch mal recht habe, was selten genug vorkommt, aber hier wars eigentlich nur scheiße. als der mast dann grade stand, passten die wanten hinten und vorne nicht. und das war leider nicht alles. längsschiff war der mast zu gerade bzw. kippte er fast nach vorne, hatte null mastfall. nachdem ich ihn dann einheinhalb bis zwei grad gekippt hatte, war das vorstag zu kurz und das achterstag zu lang. also setzte ich vorne noch ein toggle dazu und kürzte hinten notdürftig das verbindungsstück zwischen dem langen achterstag und den beiden kurzen verbindungsstücken, die backbord und steuerbord zum heck führen.
das ging letztes jahr auch leidlich, trotzdem mussten wir die spanner am achterstag bis zum anschlag zudrehen, um minimal ausreichend spannung aufs vorstag zu bringen. und langer rede kurzer sinn: deshalb bin ich heute rübergefahren zum yachtservice und hab die beiden verbindungsdrähte kürzen lassen. ging ziemlich schnell, wie üblich, und das ist dann so eine ganz andere erfahrung als mit der werft, wo wir den ausbau gemacht haben.
weil der mast auch nach dem verstellen im letzten sommer so übel gearbeitet hat (wenn auch nicht so unerträglich wie vorher), haben wir ihn jetzt noch ein stück weiter gekippt, auf knapp zweieinhalb grad mastfall. mit der vorspannung der unterwanten hat er jetzt einen schönen zarten bauch nach vorne und ich bin gespannt, wie sich das morgen verhält.
nach der ganzen mastkletterei und dem auch nicht unanstrengenden anziehen der wanten bin ich jetzt jedenfalls ziemlich fertig. rigg trimmen heißt jedenfalls, getrimmt werden.
heißt aber auch: nach langen wochen ist das boot jetzt endlich klar für eine erste ausfahrt!

05. May. 2012

arbeit macht arbeit
besonders früh sollte das boot ins wasser, gleich schnell sofort wollte ich aufs wasser. aber dann wurde es vorher doch noch ein längerer arbeitsaufenthalt an der kaimauer. der jetzt endlich fast abgeschlossen ist.
das schlimmste war die entdeckung, dass die epoxy-versiegelung im kiel undicht war. vor einigen jahren hatte ich den beton, mit dem das blei im kiel vergossen ist, mit epoxydharz versiegelt. hatte, ganz auf anraten des werftchefs, den beton mit der heißluftpistole warm gemacht, damit das epoxy gut einzieht, und dann das harz so aufgegossen, dass die oberfläche gerade so bedeckt war und unebenheiten ausgeglichen wurden. das ergab eine sehr glatte und harte oberfläche. die auch noch durchsichtig war, sodass das gestein darunter gut zu sehen war. sah toll aus.
als das boot jetzt im wasser war, fielen mir die luftblasen auf, die da unter der epoxyschicht in einem der kiel-compartments saßen. ich machte mit dem schraubenzieher die schicht an einer der luftstellen auf. und fuhr versuchsweise mit dem schraubenzieher unter die harzschicht, um zu sehen, ob das sonst noch fest saß. es saß leider nicht fest. ein großer teil der schicht ließ sich einfach so abheben. der beton, in den das noch reingelaufen war, ging mit ab. aber das war noch nicht das schlimmste. der beton war feucht, und an einigen stellen zeigten sich schon schwarze schimmelflecken. und während ich mit dem schraubenzieher weiter stocherte, wurde klar, dass sich unter einer dünnen schicht mit noch intaktem steinbeton eine zwei zentimeter dicke schwarze, stinkende schimmelschicht gebildet hatte. ekelhaft.
also war sanierung angesagt. mühsam und kopfüber kratzte ich die verschimmelte schichte aus den zwei am stärksten betroffenen abschnitten des kiels. trocknete dann beide kompartments vor der behelfsmäßigen neuversiegelung jeweils 24 stunden lang mit dem heizgebläse. was für ein aufwand.
als nächstes werden diese hohlräume mit sandsäcken aufgefüllt und dann oben mit einem brett wasserdicht verschlossen. im brett natürlich eine inspektionsluke. aber diese tiefsten punkte im schiff bleiben sons permanent feucht, und das ist nicht gut.
arbeit macht arbeit, stand mal an der tür zum arbeitszimmer einer dozentin. so auch hier. man sieht eine kleine stelle, denkt: okay, das konserviere ich mal schnell neu. und dann artet das aus.
fahrtensegeln heißt deshalb nicht nur, an den schönsten orten der welt das boot reparieren, sondern schon zuhause!

30. Apr. 2012

bericht zum buch
zunächst einmal: bin ich überwältigt vom interesse am bericht unserer sommersegelreise 2011. seit das e-buch bei amazon zum download freigeschaltet ist, und trotz der anlaufschwierigkeiten, wurde es bis jetzt 980 mal runtergeladen. wow. dieser run hat zu einigen superlativen geführt: gestern abend war das das buch eine ganze weile lang auf platz 6 der amazon-top100-gratis. inzwischen ist es dort auf platz 20. von allen derzeit auf amazon gratis angebotenen e-bücher.
in den amazon-bücherlisten wird der sommer auf der ostsee in der oberkategorie reise und abenteuer als erstes gelistet, wenn man die liste nach beliebtheit sortiert. von immerhin insgesamt 153.658 büchern (analog und digital) auf dieser liste. und in der kategorie segeln ist das buch in der liste der beliebtheiten im moment ebenfalls auf platz 1.
okay, natürlich hat das mit dem preis zu tun. die frage ist: hat es nur mit dem preis zu tun? we'll see. ab montag früh kosten die daten geld, dann wird sich zeigen, ob sich der spaß auch finanziell auszahlt und aimé endlich das dringend benötigte neue großsegel bekommt -)
eine freude ist das starke interesse schon jetzt.

24. Mar. 2012

republished
der sommer auf der ostsee ist wieder da, wo er hingehört: im verkaufskanal. die links auf dieser seite hier funktionieren deshalb nicht mehr.

21. Mar. 2012

publish? republish!
Nach dem glorreichen Verkaufsstart und dem erfolgreichen Anlaufen der Werbeaktion - 40 Ex. in zwei Stunden - hat Amazon das Buch ohne Ankündigung aus dem virtuellen Regal genommen.
Deshalb gibt es das Buch, bis das Problem behoben ist, hier zum Download.

ozs2011.epub

ozs2011.mobi (Amazon Kindle, Fire etc.)

Es sickert immer irgendwo durch.

21. Mar. 2012

published
der sommer auf der ostsee ist fertig und online. verkauft wirds über amazon. Wenn es denn jemand kauft. Es ist ein Versuchsballon. Möge er hoch steigen. (Ich verfolge jedenfalls die kurve.)
zur feier der veröffentlichung gibts das buch ab morgen, 8 uhr, bis montag, ebenfalls 8 uhr, umsonst.

20. Mar. 2012

auswintern pt. 1
heute beim boot. seit langer zeit mal wieder mit dem auto (geliehen). einige sachen geholt, einige sachen gebracht. nur ein kurzer besuch. einiges in die wege geleitet. die kaputte heizung in die autowerkstatt gebracht, sie schauen, ob sich noch was machen lässt. das ding ist zwanzig jahre alt. wahrscheinlich ein fehlkauf. aber versuchen kann mans ja. dann die beiden großen vorsegel, die sich an der oberen saling aufgerissen haben, zum segelmacher gebracht. netter kerl. ist auch ein kleiner test, ob das mit denen gut geht. denn irgendwann steht ein neues großsegel an, und wahrscheinlich irgendwann auch eine sprayhood.
bei der einstiegsluke löst sich die eingelegte plexiglasscheibe an zwei kanten aus der klebung. das holz hat gearbeitet. und weil der werfttyp nur eine sehr dünne klebeschicht gemacht hat, hielt die das nicht aus. jetzt läuft von oben wasser rein. die luke ist gerade mal zwei jahre alt. kann das wahr sein? knapp über die gewährleistung und das ding ist futsch? die geschichte kann was über die zusammenarbeit mit werften erzählen. und da ist mir heute ein klarer gedanke gekommen: das wichtigste ist, dass der bootsbauer das gleiche boot sieht wie du. in meinem fall war das nicht gegeben. und ich habs nicht gemerkt. ich sehe ein boot vor mir, das hochseetauglich ist, und das deshalb ein dicht verschließbares einstiegsluk braucht, und eine dicht verschließbare backskiste etc. der bootsbauer sah ein boot, das ostseetauglich ist.
die andere sache ist natürlich die, dass wir im gespräch dahin gekommen waren, dass die luke aus alu mit plexieinlage gebaut wird. und dann baute der das einfach in teak. sei einfacher, besser und billiger, und würde besser zum holzlook im cockpit passen.
bullshit.
das schlimmste an der sache ist, dass ich ihm das so abgekauft hab, im doppelten sinn. dazu kam, dass ichs mir mit dem meister nicht verscherzen wollte, weil er uns schon den einen oder anderen gefallen getan hatte und uns baumaterial zu guten preisen abgab. aber irgendwann ist die grenze erreicht, und in diesem fall war sie längst überschritten. das dumme ist, dass man das rechtzeitig merken und den schlussstrich setzen muss. auftrag abbrechen, abhauen, jemand andern suchen. oder halt selber machen. auch da lerne ich weiter - was geht, mach ich selber. und wenn ich was nicht selber machen kann, lass ichs machen, aber eben so, wie mir das passt, und nach meinen vorstellungen. und ich prüfe vorab im gespräch, ob der bootsbauer und ich das gleiche boot sehen.

10. Mar. 2012

coming soon!

In ungefähr einer Woche geht der Bericht zu unserer Sommerreise online! Ca. 70 Seiten, viele Farbbilder von den zwei Profifotografen, die dabei waren.
Die Reise war aufregend genug und ich wollte längst versuchen, ein lesens- und sehenswertes E-Book herzustellen. Der Text basiert auf den Einträgen im Blog und wurde zum Teil stark umgearbeitet und um weitere Episoden und vor allem: um Bilder! ergänzt.
Für kostenfreie Rezensions- und Vorabexemplare (unverbindlich!) einfach eine E-Mail schicken an buch[at]ozeansegeln[punkt]de.

26. Feb. 2012

boote aus stahl
das sehr gute blog attainable adventure cruising macht eine kleine serie zu stahlschiffen für den ernsthaften fahrteneinsatz - lesenswert.

25. Feb. 2012

Dezember
Mo Di Mi Do Fr Sa So
         
           
2012
Monat
Dez

neue sendungen

Herbstsonne
Storm Chaser (wider Willen)
Die Ostsee stirbt
Lesetip
aimé jetzt mit videoüberwachung - galore!
Öland, Spätsommer



ozeansegeln.de